Ich bin nicht wichtig.

„Ich bin nicht wichtig.“ Dieser Satz ist in mir eingeprägt, seit ich mich erinnere. Er ist in einer Zeit entstanden, da war er bloß ein Gefühl, ein Zusammenzählen von 1 +1, Teil einer kindlichen Realität. Und in einer Zeit, in der die Pädagogik einen anderen Wissensstand und Status hatte. Damals war „sie ist noch zu klein, sie versteht das sowieso nicht“ sicher bis zur Schulzeit eine Aussage, die viele Erwachsene überzeugt hat. Dass Kinder aber ein (zumindest emotionales) Sprachverständnis haben, und zwar von Geburt an, dass sie auf Ansprache reagieren und sensitiv Atmosphäre und Gefühle der Erwachsenen wahrnehmen, war damals noch nicht evident.

Wer ist schuld?

Dieser Frage möchte ich gar nicht nachgehen. Denn sie mündet in Scham und Beschämung. Dort will ich nicht hin.
Aus meiner heutigen Situation betrachtet aber weiß ich, dass die Trennung und Scheidung meiner Eltern und ihr Verhalten danach, einiges dazu beigetragen haben. Verbunden mit dem damaligen Wissensstand zur Pädagogik habe ich mir bereits als Kleinkind die Welt selbst zusammengereimt. Natürlich in einem egozentrischen Weltbild, denn für mich als Kind hatte ja alles mit mir zu tun. Die Scheidung und Trennung meiner Eltern muss ja deshalb sein, weil ich nicht gut genug bin (ein weiterer Glaubenssatz). Und dass die Situation so war, wie sie war, und ich sie nicht und nicht verändern konnte (glauben Sie mir, ich hab wirklich viel versucht), hat mich damals zum einzig möglichen Schluss gebracht: Ich bin nicht wichtig.

Überzeugung die wirkt

Ein Glaubenssatz ist ein Satz, an den ich glaube – eine Überzeugung. Wenn von Kindheit an ein Mensch davon überzeugt ist, nicht wichtig zu sein, kann er/sie diese Prägung nur mühsam verändern. Und bis es soweit ist, lebt dieser Mensch diese Überzeugung – als einzige mögliche Antwort auf die Aktionen der nahen Menschen.

Um besser nachvollziehen zu können: Nicht wichtig zu sein, war so tief in mir verankert, dass ich spontanen Familientreffen ferngeblieben bin – um den anderen Raum zu geben, weil „ich bin ja nicht wichtig“. In Freundschaften, in der Arbeit, als Führungskraft war anfänglich dieser Satz mein Leitsatz, „ich bin ja nicht wichtig, denn es geht um die Kinder“. Da aber in der Arbeit meine Rolle eine andere war, konnte ich den Satz dort schnell verdrängen. Spoiler: Gewirkt hat er aber immer noch.

Wir alle haben einen Grund, weshalb wir uns für den Beruf, den wir ausüben, entschieden haben.
Mein Grund: Kindern Sicherheit zu vermitteln, ihnen stabile Beziehung anzubieten. Nicht immer, weil es keine Eltern gibt. Sondern weil Lebensumstände so fordern können, dass Grundlegendes zur Hürde wird.

Mein Bild von "ich bin nicht wichtig"

Das, was ich Ihnen jetzt beschreibe, ist Teil meines Heilungsprozesses von diesem Glaubenssatz. Verstehen Sie mich bitte richtig – es geht jetzt nicht darum, dass ich die wichtigste Person auf der Welt bin. Es geht darum, dass wir alle wichtig sind – auch wenn ein einzelnes Leben auf dieser Welt eines von vielen ist.

Was ich Ihnen sagen mag: Das innere Bild, das ich mit dem Satz „ich bin nicht wichtig“ verbinde, ist ein kleines Mädchen, das in eine wuchtige, schwere und großgliedrige gewickelt ist. Diese Gliederkette ist der Satz „ich bin nicht wichtig“, er hält das Kind zusammen und drückt es hinunter.

Zugleich aber ist dieser Glaubenssatz entstanden, um, im übertragenen Sinne, mein Überleben zu sichern. Um nicht mehr Raum einzunehmen, als mir meine Eltern geben können. Um nicht unangenehm, nicht abgelehnt, nicht noch mehr zurückgewiesen zu werden. Dieser Satz war mir damals Erklärung und Schutz in einem. Und zugleich soo traurig und hinderlich. Und hat mir in der verqueren kindlichen Logik doch Halt gegeben.

Heute

Aktuell lebe ich ein anderes Selbstbild. Ich bin nun erwachsen (und das seit einiger Zeit ;)) und ich lerne mich trotzdem immer besser kennen. Denke, das wird wohl nicht aufhören. Jetzt dürfen dieser Glaubenssatz und all die Emotionen und Gefühle, die für mich damit einher gehen, da sein. Ich kann sie händeln. Und ich weiß, dass ich wichtig bin. Wie jeder andere Mensch auch.

Wenn ich eines gelernt habe, dann dass jeder Mensch wichtig ist. Wir alle haben unser Packerl zu tragen. Das eine mag größer sein, das andere schwerer. Zu tragen haben wir alle. Um wieviel leichter aber wird es, wenn der Satz „ich bin nicht wichtig“ umgewandelt werden kann in „ich bin wichtig“. Was macht diese Veränderung mit einem Kind und seiner/ihrer Selbstwahrnehmung? Wieviel stärker ist ein Kind, das „ich bin wichtig“ als Überzeugung lebt und diese Überzeugung auch mit anderen teilen kann. (Bitte nicht zu verwechseln mit „ich bin der/die wichtigste“! Sozialkompetenz gehört auch dazu.)

Was hat das mit Ihnen zu tun?

Vielleicht sind Sie selbst Mutter oder Vater, vielleicht sind Sie als Sozialpädagog:in tätig. Jedenfalls waren Sie auch mal ein Kind. Und ich glaube, dass es ganz viele Kinder gibt, die mit diesem oder einem ähnlichen Satz versuchen, durch das Leben zu kommen. Ihren Alltag zu meistern. So gut sie eben können.

Das ist mein Grund, warum ich mich dem Kindeswohl verschrieben habe. Damit ich jenen Kindern beistehen kann, denen es ähnlich geht. Damit ich für die Eltern da sein kann, die genau von meinem Wissen und meiner Erfahrung profitieren. Damit ich die Familien unterstützen kann, bei denen Konflikte oft stattfinden und auch mal eskalieren.

Meine Lebenserfahrung ist der Ursprung meiner Motivation und nur ein kleiner Teil des Ganzen. Meine Aus- und Weiterbildungen, meine Berufserfahrung, meine Werte, meine Arbeitsweise, mein Methodenwissen etc. sind wesentlich wichtiger und helfen mir dabei, in einer Beratung nicht in Ihr System hineinzurutschen. Denn es geht um Ihr Leben und das Ihrer Kinder. Meine Aufgabe dabei ist, in meiner fachlichen Wahrnehmung von außen zu bleiben und mich zugleich mit Empathie und Wertschätzung in Sie und Ihre Geschichte hineinzufühlen. Denn nur so kann aus meiner Sicht Begleitung und Unterstützung erfolgreich sein.
Die beste Zusammenarbeit entsteht in Beziehung.

„Ich bin überzeugt, dass Beziehungen das Wichtigste sind – sie sind die Basis, die wir Kindern mit auf ihren Lebensweg geben.“
Ihre
Irina Langer

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