Hilfe – mein Kind ist wütend!

Veronika (alle Namen geändert) ist zweifache Mama, lebt mit ihren Kindern (6 und 4 Jahre alt) und ihrem Lebensgefährten zusammen. Der Vater der Kinder pflege guten Kontakt zu ihnen, die Kommunikation funktioniere gut und meistens wertschätzend. Das ist aber nicht Veronikas Anliegen. Sagt sie und berichtet einleitend, dass eigentlich alles gut läuft. Die Geschwister verstünden sich im Großen und Ganzen gut. Auch der Lebensgefährte verstehe sich gut mit den Kindern, sie mögen ihn sehr.

Es ist ein häufiges Phänomen, dass zuerst erzählt wird, was alles gut läuft. Für mich sind das wichtige Hinweise, denn liegen Ressourcen und darauf lässt sich gut aufbauen.

Der eigentliche Grund für den Termin bei mir ist aber ein anderer: Ihr Sohn Maximilian gerate immer wieder in Rage. Er werde so wütend, dass er nicht mehr erreichbar ist. Es sei auch schon vorgekommen, dass er seine kleine Schwester geschlagen hat. Veronika ist verzweifelt.

Spurensuche - Was haben die Situationen gemeinsam?

Es geht jetzt nicht darum, den oder die Schuldige:n zu finden. Denn Wut ist Ausdruck, dass etwas nicht stimmt, ein Bedürfnis offen bleibt oder eine Grenze überschritten worden ist: Müdigkeit, Hunger, Reizüberflutung oder ein gerade besonders spannendes Spiel können die Fähigkeit zur Selbstregulation zusätzlich erschweren. Ein Blick auf das „Drumherum“ lohnt sich deshalb ebenfalls.

Gibt es etwas, das die Wut in den verschiedenen Momenten vereint?
Veronika denkt nach, dann sagt sie, dass vielleicht das Gemeinsame das sein könnte, dass er etwas tun muss, was er nicht möchte. Konkret gehe es zum Beispiel um Zähneputzen, zum Essen kommen, Schuhe anziehen.

Was wurde schon versucht?

Veronika berichtet von zig Gesprächen. Ihr sei so wichtig, dass die Kinder verstehen, weshalb sie etwas machen sollen oder warum irgendwas nicht möglich ist. Denn dann, so die Hoffnung – wie sie sagt – würde es leichter werden.
Und in diesen Gesprächen zeige sich Maximilian total einsichtig und würde auch bereitwillig Vorschläge annehmen. Aber wenn es soweit ist, gerate er immer wieder in diese Wut.

Das ist kein Widerspruch. Ein Kind kann im ruhigen Zustand sehr genau wissen, was es beim nächsten Mal anders machen möchte – und es im Moment voller Gefühl trotzdem noch nicht schaffen. Selbstregulation entwickelt sich Schritt für Schritt und braucht viele Erfahrungen mit Erwachsenen, die dabei unterstützen.

Das kindliche Gehirn

Mit 6 Jahren ist das Hirn noch in der Entwicklung. Mit dabei ist auch das noch nicht ausgeprägte selbstständige Vordenken. Ein Kind mit 6 Jahren ist noch stark im Moment und – je nach Entwicklungsstand – spielt sie/er viel lieber, ist eher lustbetont. Je nach individueller persönlicher Konstitution und Rahmenbedingungen kann es sein, dass Übergänge für ein Kind herausfordernder sind, als für ein anderes.

Das Spiel für eine unliebsame Handlung abzubrechen lockt uns alle nicht. Einen 6jährigen Jungen noch weniger.

Fähigkeiten wie Impulskontrolle, flexible Anpassung und das planvolle Handeln, entwickeln sich über viele Jahre. Kinder brauchen deshalb nicht nur kurze Erklärungen und Informationen (zu sich selbst, zu anderen, zum Leben und der Welt), sondern auch Strukturen und wiederholte Möglichkeiten, Selbstregulation zu üben.

Der Wunsch von Eltern, ihr Kind möge alles verstehen, ist absolut verständlich. Allerdings ist es nicht die Aufgabe eines 6jährigen Kindes alles zu verstehen. Das kann in eine Überforderung münden. Vielmehr braucht er/sie Erwachsene, die einen adäquaten Rahmen zur Verfügung stellen, innerhalb dessen es für alle gültige und klare Regeln gibt und das Kind altersentsprechend und spielend die Welt entdecken kann.

Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es?

Veronika überlegt nur kurz und stellt fest, dass Maximilian wohl mehrere Anläufe brauchen könnte, um den Übergang leichter zu erleben. Ich räume ein, dass es trotzdem ein Übungsprozess ist und es vielleicht noch den einen oder anderen Versuch geben wird, der misslingt. Auch das darf sein und ist normal.

Auch bei wiederkehrenden Übergängen kann es helfen, vorher anzukündigen, was als Nächstes kommt: „Du kannst noch fünf Minuten spielen, dann gehen wir Zähne putzen.“ Vielleicht braucht aber Ihr Kind mehr Vorlaufzeit? Dann kann zum Beispiel innerhalb von 15 Minuten die Zeit ‚ablaufen‘ – in 5-Minuten-Schritten.
Oder: „Möchtest du zuerst den Schlafanzug anziehen oder zuerst Zähne putzen?“ Die Grenze bleibt bestehen, das Kind bekommt innerhalb dieses Rahmens bzw. dieser Grenze aber ein Stück Mitbestimmung.

Überdies ist wichtig, dass es klar ausgesprochene und für alle gültige Regeln und Grenzen gibt. Die können gut in einem entspannten Modus besprochen werden. Es hilft auch, wenn diese Regeln des Miteinanders sichtbar hängen. Auch visuelle Abläufe können Kindern Orientierung geben.

10 Tipps, wenn's wieder kracht

Wird Ihre Tochter/Ihr Sohn doch wieder wütend, dann:

  • Bleiben Sie ruhig.
    Und sch…ßen Sie darauf, was andere denken. Die anderen sind unwichtig, wichtig ist das Kind.
    Ihre Ruhe ist in diesem Moment wichtiger als die perfekte Reaktion. Kinder orientieren sich auch daran, wie Erwachsene mit starken Gefühlen umgehen. Wenn Sie merken, dass Ihre eigene Wut oder Angst steigt, hilft manchmal schon ein bewusster Schritt zurück, ein tiefer Atemzug oder ein kurzer innerer Satz: „Ich muss nur da sein, es jetzt nicht sofort lösen.“
  • Fürchten Sie sich nicht vor der Wut.
    Ein Kind, das in Rage ist, braucht einen Erwachsenen, der die Emotion aushält und Sicherheit vermittelt. Wenn sich Erwachsene vor der Wut des Kindes fürchten, steigt die Hilflosigkeit des Kindes, was auch die Wut füttern kann.
    Wut kann sehr groß aussehen und sich sehr laut anhören. Sie müssen sie nicht stoppen. Ihre Aufgabe ist es, Ihrem Kind zu helfen, hindurchzukommen.
  • Schutz und Sicherheit gehen vor.
    Wenn Maximilian seine Schwester schlägt, muss die Situation beendet und die Schwester geschützt werden. Das kann ruhig und klar geschehen: „Ich lasse nicht zu, dass du sie schlägst.“
    Wenn unmittelbare Gefahr besteht, kann auch ein körperliches Eingreifen notwendig sein, etwa um einen Schlag zu verhindern oder Geschwister voneinander zu trennen. Dabei gilt: so kurz, ruhig und schonend wie möglich. Körperliches Festhalten sollte nicht dazu dienen, das Kind gefügig zu machen, sondern ausschließlich dem Schutz aller.
    Es werden die Grenzen klar gehalten – keine Gewalt, keine Bedrohung, keine Erpressung.
  • Gefühle sind erlaubt – allerdings nicht jedes Verhalten.
    Eine grundsätzliche Botschaft in Ihrer Haltung wie auch in Ihren Aussagen könnte sein: „Du bist nicht dein Verhalten.“
    In der konkreten Situation: „Ich hab dich lieb und ich möchte nicht, dass du dir selbst oder jemand anderem wehtust.“
    Damit bekommt das Kind zwei Botschaften gleichzeitig: „Dein Gefühl darf sein“ und „Ich schütze dich und andere vor verletzendem Verhalten.“ Genau diese Verbindung aus emotionaler Annahme und klarer Grenze unterstützt Kinder dabei, mit starken Gefühlen umzugehen.
  • In diesem Moment braucht es weniger Erklärung und mehr Begleitung.
    Wenn ein Kind stark erregt ist, sind lange Gespräche oft sinnlos. Eine ruhige Stimme, wenige Worte und Ihre eigene Präsenz können hilfreicher sein.
    Versuchen Sie nicht, Ihr Kind jetzt von Ihrer Sichtweise zu überzeugen. Dafür ist später Zeit. Im akuten Moment geht es zunächst darum, dass die Spannung wieder sinken kann.
  • Zeigen Sie Verständnis für das Gefühl – dabei ist wichtig, dass Sie authentisch sind!
    Zum Beispiel: „Ich verstehe, dass dich das gerade richtig wütend macht.“ Wut darf da sein und hat grundsätzlich eine wichtige Aufgabe.
    Sie müssen dabei nicht mit allem einverstanden sein, was Ihr Kind möchte. Verständnis bedeutet nicht Zustimmung. Es bedeutet: „Ich sehe, dass es dir gerade schwerfällt.“
  • Laden Sie Ihr Kind ein, das Gefühl laut auszusprechen.
    „Ich bin wüüütend!“ oder eventuell auch „Ich bin wütend, weil …“
    Bitte ignorieren Sie in diesem Zusammenhang die Lautstärke des Kindes, die Grammatik oder den Tonfall.
    Wenn das Benennen noch nicht gelingt, können Sie die Worte zunächst anbieten: „Kann es sein, dass du gerade richtig wütend bist, weil du aufhören sollst zu spielen?“ Eine Frage lässt dabei Raum für Korrektur: Vielleicht liegen Sie richtig, vielleicht sagt Ihr Kind aber auch: „Nein! Ich bin wütend, weil …“ Und schon entsteht Kommunikation.
    So lernt Ihr Kind nach und nach, innere Zustände wahrzunehmen, zu benennen und verständlicher mitzuteilen.
  • Bieten Sie Alternativen an.
    Fest hüpfen, schreien, mit den Füßen stampfen, weit nach oben-hinten ausholen und einen Polster ganz fest auf den Boden schmeißen.
    Kraftaufwand kann helfen, der Wut Ausdruck zu verleihen. Eine Variante ist, dass Ihr Kind und Sie einander gegenüberstehen, die Handflächen aneinander halten und Sie das Kind einladen, sich mit aller Kraft gegen Sie zu lehnen – Sie also „wegzudrücken“. Ihr körperlicher Widerstand ist dabei das, worum es geht.
    Mir ist wichtig anzuführen, dass keine Handlungen wie Boxen, auf die Couch schlagen,  Treten o. Ä. ausgeführt werden. Angesichts der Keine-Gewalt-Regel sind diese Handlungen ein bisserl kontraproduktiv und es sollen ja alternative Ausdrucksmöglichkeiten entstehen.
    Wählen Sie dabei gemeinsam aus, was für Ihr Kind tatsächlich funktioniert. Nicht jedes Kind möchte sich bewegen, wenn es wütend ist. Manche brauchen Nähe, andere Abstand, manche Bewegung und andere zunächst einfach Ruhe.
    Diese Co-Regulation braucht Sie als sichere und gelassene Person, die das Kind durch die Emotion begleitet. Genau daraus kann mit der Zeit eigene Selbstregulation entstehen: Das Kind erlebt wiederholt, wie ein Erwachsener starke Gefühle mit ihm aushält und begleitet.
  • Erst wenn sich die Situation beruhigt hat, ist wieder Raum für ein ausführlicheres Gespräch.
    Bitte beachten Sie dabei, dass das Kind nicht beschämt wird. Die Frage „Warum hast du das gemacht?“ kann schnell wie ein Vorwurf klingen – besonders dann, wenn das Kind selbst noch nicht weiß, was in diesem Moment passiert ist.

    Hingegen können Sie mit folgenden Fragen den Erzählraum eröffnen, ohne zu verurteilen:
    „Du bist mir wichtig und ich möchte dich verstehen. Was ist passiert, das dich wütend gemacht hat?“
    Sie können gemeinsam überlegen: Was war kurz davor? Was hat Ihr Kind gebraucht? Woran hätte es früher merken können, dass die Wut kommt? Und was könnte beim nächsten Mal helfen?

  • Abschließend können Sie mit dem Kind besprechen, wie er/sie die Situation erlebt hat, was seine/ihre Bedürfnisse waren und vielleicht gelingt einmal, dass Ihr Kind die Wut früher lernt zu sagen.

Ihr Kind muss Wut nicht möglichst schnell loswerden. Es geht darum, dass Ihr Kind Schritt für Schritt lernt, seine/ihre Wut früher wahrzunehmen, auszuhalten, Worte und andere Wege zu finden, mit ihr umzugehen. Das geschieht nicht in einem einzigen Gespräch, sondern in vielen kleinen Situationen im Alltag.

Wut und ihre Gründe

Es gibt eine Vielzahl an Gründen, weshalb ein Kind wütend werden kann: Überforderung, Angst, zu schnelles Tempo, Frustration, Versagensangst, Kränkung, Sorgen, Grenztestungen, Eifersucht, die Erfahrung, dass andere nicht mit Wut umgehen können oder wollen und auf diese Weise Wünsche und Ziele erreicht werden können … Es ist dies bloß eine Auswahl.

Jeder dieser Gründe braucht eine eigene Umgangsweise und eigene Erklärungen von Erwachsenen. Schutz, Verständnis, Trennung von Kind und Verhalten, Regulation, Gelassenheit des Erwachsenen und das Erarbeiten von passenden Handlungsweisen gehören immer dazu.

Hilfe holen, wenn ...

Treten Wutausbrüche allerdings sehr häufig auf, sind besonders heftig, führen regelmäßig zu Verletzungen oder kaputten Gegenständen oder belasten Familie und Kind(er) zunehmend, ist es sinnvoll, sich Unterstützung zu holen. Nicht weil mit dem Kind „etwas nicht stimmt“, sondern weil es manchmal einen Blick von außen und einen sicheren Ort braucht, um Geschehnisse ordnen und verstehen zu können. Dann kann Raum für Veränderungen entstehen. 

Ihre
Irina Langer

Für Ihren Wunschbeitrag

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