Mit Kindern reden

Die Kommunikation mit Kindern ist enorm wichtig, weil sie für jedes Kind den Unterschied machen kann:

  • Zwischen Phantasie und Wissen.
  • Zwischen diffuser Ahnung und Klarheit.
  • Zwischen Haltlosigkeit und stützenden Erwachsenen.

Kommunikation findet immer auf verschiedenen Ebenen statt: verbal und nonverbal. Wobei mit nonverbal (also nicht sprachlich) die Körpersprache, Mimik, Gestik verstanden wird. Sowohl das gesprochene Wort wie die Körpersprache, Mimik und Gestik sind gleichermaßen wichtig.
Dieser Blog hat den Fokus auf Kommunikation, die Hinweise zur kindlichen Entwicklung sind lediglich ergänzend und keinesfalls vollständig. Die Entwicklungsphasen haben einen fließenden Übergang und sind nicht trennscharf möglich – mir ist die Einteilung für eine bessere Übersichtlichkeit trotzdem wichtig.

Säuglinge

Im Säuglingsalter erfährt jedes Kind vorwiegend über den Körperkontakt, dass er/sie geliebt und willkommen ist. Deshalb ist das Tragen eines Säuglings so wichtig. Deshalb ist auch das Befriedigen der kindlichen Bedürfnisse so wichtig. Gerade im frühesten Kindheitsalter können Sie auf diese Weise den Selbstwert des Kindes stärken.

Doch nicht bloß der Körperkontakt, sondern auch die Sprache ist für jeden Säugling relevant. Der Klang der Sprache, die Stimme, der Tonfall. Bereits im Mutterleib nimmt das Kind dies alles (und noch einiges mehr) wahr.
Schon Säuglinge reagieren, z.B. bei Irritationen im eigenen Erleben, positiv auf verbale Erklärungen. Sie verfügen von Geburt an über ein ‚gefühlsmäßiges‘ Sprachverständnis.

Mein Tipp: Die Kommunikation mit einem Säugling ist daher einem Radio- oder TV-Kommentar ähnlich. Zu beschreiben, was Sie gerade tun oder was nun passieren wird. Alltägliche Handlungen, wie z.B. kochen, Wäsche zusammenlegen, Windeln wechseln, umziehen und dergleichen können Sie immer wieder mit Ihrer „Kommentarfunktion“ versehen.

Kleinkinder

Während im Säuglingsalter die Entdeckung und Entwicklung des eigenen Körpers geschieht, beginnt im Kleinkindalter die Exploration (Erkundung) der Umwelt. Entwicklungsschritte sind u.a. krabbeln, zunehmende motorische und sprachliche Fähigkeiten sowie wachsende Selbstständigkeit (will selbstständig essen oder trinken u.ä.). Kleinkinder leben im Moment, lustbetont und können die Folgen ihres Verhaltens noch nicht absehen. Deshalb:

Entscheidungen zum Kindeswohl sind immer von Erwachsenen zu treffen!

Was bedeutet das?
Ich beobachte immer wieder die Angewohnheit mancher Erwachsener, dem Kleinkind im Alltag wiederholt Fragen zu stellen, obwohl die Intention gar keine Frage ist oder sein soll. Beispielsweise der Satz: „Ziehst du einen Pulli an?“ wird als Fragesatz am Ende in einer höheren Tonlage ausgesprochen. Oftmals fügen Erwachsene am Ende eines Satzes dann noch ein „okay?“ dazu, wobei aus dem Satz wieder eine Frage wird.
Doch nicht immer soll es als Frage gelten, da Erwachsene eigentlich voraussetzen, dass das Kind diese Frage in ihrem Sinne beantworten wird. Reagiert das Kind dann mit einem „nein“, weil die Betonung eine Frage war, dann kann die Situation leicht aus dem Ruder laufen.
Vielmehr wäre „es ist kalt, deshalb ziehst du heute einen Pulli an“ eine klare Anweisung. Wenn Sie Ihrem Kind die Wahl lassen möchten, dann bieten Sie im zwei Pullis an, zwischen denen er/sie wählen kann. Dass ein Pullover angezogen wird steht so außer Frage.

Denn ein Kleinkind kann keine Entscheidungen treffen und ständige Fragen bedeuten Druck und Überforderung für das Kind. Ich bin überzeugt, das wollen Sie nicht, deshalb …

… mein Tipp: Beobachten Sie sich, ob Sie in Ihrer Kommunikation mit dem Kind häufig Fragen stellen. Bereits die nach oben gehende Betonung oder ein „okay?“ am Ende eines Satzes ist eine Frage. Wenn Ihnen auffällt, dass Ihnen das passiert, dann wiederholen Sie gleich den Satz, und zwar mit einer nach unten gehenden Betonung (wie am Ende eines Satzes üblich) und ohne „okay?“. Dies werden Sie vermutlich üben müssen, bevor es zur Normalität wird. Und bereits das macht den Unterschied zwischen einer Frage oder einer Aussage.

Kindergarten

Je älter, desto mehr Selbstwirksamkeit und Teilhabe möchte jedes Kind. Das ist natürlich. Zugleich haben wir Erwachsenen weiterhin die Aufgabe, den Kindern ihrem Alter entsprechend Informationen zum Leben und zur Welt zu geben, ihnen einen sicheren Handlungsrahmen zur Verfügung zu stellen und für sie, ihre Gedanken und Gefühle, da zu sein.

Mein Tipp: Unterscheiden Sie zwischen Wunsch (z.B. ein Eis zu bekommen) und Bedürfnis (z.B. nach Ruhe und Kuscheln) des Kindes. Die Kommunikation sollte liebevoll, klar und informativ sein. Vermeiden Sie, sich zu rechtfertigen. Eine Rechtfertigung fühlt sich im Inneren eventuell nach einem schlechten Gewissen oder einer Erklärung an mit dem Ziel, das Verständnis des Kindes zu bekommen. Zu verstehen ist allerdings nicht die Aufgabe eines Kindes.

Der kindliche Wunsch nach Selbstwirksamkeit und Entscheidungen kann altersentsprechend gefördert werden, z.B. das Kind alleine anziehen lassen, bei der Ausflugsplanung, dem Essen an einem bestimmten Tag (besonders bei Geschwistern hilfreich), welches Spiel gemeinsam gespielt wird.

Kommunikation dient der Unterstützung, damit Kinder die Welt einordnen können. Ganz nebenbei erfolgt das Lernen von Sozialem, wie sie selbst und wie Erwachsene ticken, welche Werte wichtig sind, den Zusammenhang von Entscheidungen im Jetzt samt Folgen für die Zukunft, wie Gemeinschaft funktioniert usw.

Um die Kommunikation zu üben, kann bereits im Kindergarten mit Gesprächsritualen begonnen werden. Fragen wie:

  • Worüber hast du dich heute geärgert?
  • Worüber hast du heute lachen können?
  • Was hast du heute gespielt?
  • Mit wem hast du heute am liebsten gespielt?

Mein Tipp: Um zu lernen, welche Gefühle es gibt bieten sich Gefühlekarten an. Gefühle bei sich selbst und bei anderen zu erkennen erhöht die Selbstkenntnis und die soziale Kompetenz jedes Menschen. Über die eigenen Gefühle reden zu können ist ein wichtiger, auch psychohygienischer Aspekt in jedem Alter.

Volksschule

Bei älteren Kindern könnten Fragen wie:

  • Was hat dir heute Freude gemacht?
  • Bei wem fühlst du dich wohl? Welchen Lehrer/Welche Lehrerin magst du?
  • Wann ist für dich ein guter Zeitpunkt zum Plaudern?
  • Ist heute etwas passiert, das du nicht verstanden hast?
  • Was könnte hinter Wut oder Traurigkeit noch für ein Gefühl stehen?
  • Wann ist für dich ein guter Zeitpunkt um zu reden?
  • Gibt es Gedanken die immer wieder kommen und mit denen du dich komisch/unwohl/ängstlich fühlst?
  • Wie kann ich dich am besten unterstützen (bei der HÜ, bei einem Entscheidungsprozess, …)?

Damit Schulkinder lernen, einen Überblick über den eigenen Tagesablauf zu bekommen, und dies ein wesentlicher Teil der Alltagskommunikation ist, bietet sich ein Wochenplan an. Er bietet einerseits Vorhersehbarkeit und unterstützt die Selbstständigkeit.

Wochenplan

Mein Tipp: Ähnlich wie ein Stundenplan enthält der Wochenplan bspw. Uhrzeit zum Aufstehen, Routinen wie anziehen, Zähneputzen, kämmen, frühstücken, Zeiten für die HÜ, Termine (Arzt, Hobby, …). Erstellen Sie den Plan mit dem Kind gemeinsam und besprechen Sie die Inhalte des Planes täglich mit ihrem Kind. Vielleicht möchte Ihr Kind den Plan dann künstlerisch gestalten und verzieren?
Gute Orte, an denen ein Wochenplan aufgehängt werden kann, sind z.B. der Kühlschrank oder der Kasten im Kinderzimmer.

Vereinbarungen

Je älter Ihr Kind wird, desto besser lassen sich Vereinbarungen treffen. Und desto mehr Ideen kann Ihre Tochter / Ihr Sohn einbringen. Bleiben Sie auch über bspw. kleine Aufgaben und Zuständigkeiten im Haushalt, Speisepläne, Unternehmungen und Ausflüge mit Ihrem Kind / Ihren Kindern in Kommunikation. Auch das Einkaufen – was brauchen wir, wieviel kostet etwas – ist geeignet für das miteinander-Reden und ein erster Schritt in die Kalkulation des Haushaltsgeldes.

Pubertät

In der Pubertät verändert sich die Kommunikation drastisch. Auch wenn Ihr Teenager / Ihre Teenagerin nicht mehr reden mag, ist doch Ihr weiteres Interesse an seinem / ihrem Alltag wesentlich. Und es ist die Basis für den Kommunikationswillen. Angebote und Aussagen wie „ich bin da, wenn du reden willst“ sowie Wahrnehmungen im Sinne einer Kommentarfunktion nerven zwar mit Sicherheit einen Teenager, bedeuten aber zugleich, dass Sie noch immer da sind und sie/ihn lieben. Auch wenn ein:e Teenager:in um nichts in der Welt das eingestehen wird.

Abschließend

Je früher Kinder lernen, über die eigenen Gefühle, Wahrnehmungen, Sorgen und Freuden zu erzählen, desto eher können sie sich in Krisen und Notfällen aktiv Hilfe suchen. Das gilt für Mädchen ebenso wie für Buben. Die Informationen zum Leben und zur Welt entlasten Kinder von der eigenen Phantasie, die ja keine Grenzen kennt. Und je jünger das Kind ist, desto eher sind es egozentrische (Ich-bezogene) Gründe für dieses oder jene Verhalten von anderen. „Weil ich böse bin“, „weil ich falsch bin“, „weil mein Papa/meine Mama mich nicht lieb hat“ sind nur ein paar Beispiele von Sätzen, die ich in meiner Praxis höre.

Wenn in Ihrer eigenen Kindheit mit Ihnen zu wenig – auch über Gefühle – kommuniziert wurde, dann ist jetzt ein guter Zeitpunkt das zu verändern. Dafür ist es nie zu spät.

Ihre
Irina Langer

Für Ihren Wunschbeitrag

Weitere Beiträge

Finden Sie Klarheit bei Rollenfragen, unterschiedlichen Werten, unausgesprochenen Erwartungen und wiederkehrenden Konflikten.
Wie ein Glaubenssatz aus der Kindheit ein Leben prägt - ein persönlicher Beitrag und das Warum meiner Berufswahl. Weil Beziehungen das Wichtigste sind.
Die Wut eines Kindes kann plötzlich kommen und alle Beteiligten überfordern. Kindliche Wut braucht sichere Erwachsene, die dem Kind durchhelfen.