#29 Mit mir arbeiten

Das Thema

In meiner Praxis sitzt mir Anne gegenüber. Dreifache Mutter, beruflich gerade in einer Veränderung, die das Thema Sichtbarkeit und sich zeigen mit sich bringt. Auch in ihrer Partnerschaft verschiebt sich etwas, was sie verunsichert. Darüber aber möchte sie heute gar nicht mit mir reden. Anne beginnt zu erzählen, was sie beschäftigt. Wörter, die immer wieder fallen, sind „Trigger“ und „Stress“. Fast jedes Gefühl beschreibt sie damit. Egal worum es geht: Es „triggert“ sie oder „stresst“ sie.

Hier beginnt der Tiefgang

„Stress“ und „Trigger“ sind Begriffe, die viele Menschen verwenden, sie wirken schnell verständlich, lassen ein Bild von etwas entstehen, das aber ungenau bleibt. Denn sie verdecken das Dahinter. Deshalb frage ich Anne, was genau sie damit meint. Geübt versucht Anne meiner Frage auszuweichen. Ebenso geübt und mit einem Augenzwinkern bleibe ich beharrlich. Wir lachen miteinander, als Anne erkennt, wie sie versucht um die Antwort herumzukommen. „Wieso verstehst du nicht, was ich sagen will?“, fragt sie mich schmunzelnd.

Ich erkläre ihr, dass ich hinter diesen Worten etwas anderes wahrnehme: Gefühle, die mit Trigger und Stress eigentlich nicht beschrieben werden.
Gefühle müssen nicht verändert und nicht erklärt werden. Sie sind immer wichtig und es geht darum die Gefühle einmal nur wahrzunehmen, sie da sein zu lassen.

Rückblick

Anne wird ruhig und richtet den Blick nach innen, ihr Oberkörper sinkt ein wenig zusammen. Ich lasse ihr Zeit. Dann erinnere ich sie an ihren Atem und bitte sie, sich aufzurichten. Sowohl im echten wie auch im übertragenen Sinn darf Anne Raum einnehmen. Der Körper ist ein wichtiges Signal und zeigt uns diesbezüglich viel.

Anne erzählt, dass sie als Kind lernen hat müssen, Gefühle nicht zu zeigen. Wenn sie beschimpft wurde und ihr Tränen in die Augen gestiegen sind, dann wurde sie bedroht. Also hat sie ihre Gefühle zurückgehalten, hinuntergeschluckt und sich innerlich zurückgenommen. Damals als Kind konzentrierte sie sich auf eine Truhe im Wohnzimmer. Dieser Blick auf die Truhe half ihr, sich nicht von ihren Gefühlen überwältigen zu lassen. In diese Truhe wurden alle verbotenen Gefühle verdrängt.

Solche inneren Überlebensstrategien entstehen immer mit gutem Grund. Sie helfen Kindern, belastende Situationen zu bewältigen und oft auch zu überleben. Und sie bleiben bestehen – selbst wenn man bereits erwachsen ist.

Würdigung

Es geht nicht darum, etwas aus der Vergangenheit zu löschen. Das wäre weder möglich noch hilfreich. Es geht vielmehr darum, die enorme Anpassungsleistung zu würdigen, die Anne damals erbracht hat. Zu erkennen, wie viel Kraft es das Mädchen gekostet hat, unter bestimmten Bedingungen zurechtzukommen. Sich dem Schmerz, der lange keinen Platz hatte, heute zuwenden zu können, mit Mut und Mitgefühl sich selbst gegenüber.

Dies zu begleiten, diesen Raum zu halten ist meine Aufgabe, das meine ich, wenn ich von Sicherheit spreche. Da haben Tabus ebenso wenig Platz wie ein erhobener Zeigefinger der Moral.

Anne erzählt, dass ihr die Truhe seit einigen Wochen immer wieder in den Sinn kommt. Fast aufdringlich, wie sie sagt, jetzt versteht sie warum.

Abschluss

Nach und nach verbindet Anne ihre Erinnerung an die Truhe mit ihrem heutigen Thema der Sichtbarkeit. „Wie soll ich mich zeigen, wenn ich so lange gelernt habe, mich zurückzunehmen?“ fragt sie. Nicht, weil sie sich bewusst verstecken möchte. Sondern weil sich zeigen für sie über viele Jahre gefährlich war.

Ich schlage Anne vor, in Ihrer Phantasie noch einmal zur Truhe zu gehen – im Bewusstsein, dass sie heute sicher ist und frei, die Truhe zu öffnen und wieder zu schließen. Sie kann diese Truhe anders gestalten, polstern oder anmalen und sie auch kleiner werden lassen. Wonach auch immer ihr ist.

Am Ende sagt Anne, dass sie nachsehen möchte was drin liegt. „Ich werde ausmisten“, sagt sie motiviert und wirkt erleichtert.
Verständnis von außen und ein sicherer Ort sind immer hilfreiche Begleiter auf dem Weg zu den Gefühlen.

Hinweise

Der geschilderte Prozess ist selbstverständlich gekürzt und vereinfacht dargestellt. Die Veröffentlichung erfolgt mit Einverständnis der Klientin. Und Anne heißt natürlich nicht wirklich Anne.
Der Prozess, den Anne durchlebt, ist auch wichtig für ihre Kinder – denn ihr Umgang mit ihren Gefühlen ist ihren Kindern Vorbild und wirkt immer auch auf Partnerschaft und Beruf.

Im Unterschied zu einer psychotherapeutischen Intervention erfrage ich bestimmtes nicht und führe Anne nicht in die Vergangenheit. Mit dem Einbezug des Körpers und der Würdigung ihrer großen Anstrengung damals (!) beziehe ich mich auf die Gegenwart.

Einladung

Wie ist das bei Ihnen – spüren Sie, dass es „so“ nicht mehr weitergehend kann und sind Sie bereit für wirkliche Veränderung? Dann melden Sie sich bei mir, ich freu mich auf Sie.
Ihre
Irina Langer

Für Ihren Wunschbeitrag

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