Kennen Sie das auch?
Bei mir sitzt Elisabeth, eine Mama, die sich auf den Termin gefreut hat und zugleich vor lauter Aufregung zittert. Sie möchte mit mir über ihre mittlere Tochter sprechen. Elisabeth beschreibt die Situation, die sie belastet. Immer wieder stoppt sie ihre Erzählung, blickt auf ihre Hände, die ständig in Bewegung sind, sie reibt sie ununterbrochen. Immer wieder steigt ihr Tränenspiegel, ihre Tränen schluckt sie runter. „Aber wahrscheinlich ist das alles eh nicht so schlimm“, ist ein Satz, den Elisabeth mehrmals sagt.
Mix der Gefühle
Wenn Sie sich in Sachen Erziehung unsicher oder überfordert fühlen, dann ist das ein oft langer (Leidens-)Weg. Es wird zuerst ganz viel versucht, geredet, Ziele vereinbart. Je nach Alter des Kindes versuchen Sie sein/ihr Verständnis zu bekommen. Man möchte das Kind ja nicht zwingen. Oft werden ausgeklügelte Strategien entwickelt, die dann trotzdem scheitern. Was wiederum Gefühle wie Scham, Enttäuschung, Wut und Frust verstärkt. Die Abwärtsspirale wird enger.
Das Schamgefühl zeigt sich z.B. als Ziehen im Bauch oder als Rotwerden des ganzen Körpers. Scham lässt uns auch nicht einschlafen, weil die Gedanken immer lauter werden, wenn es draußen ruhig wird.
Gedanken der Scham
- Ich mache alles falsch.
- Ich weiß nicht mehr weiter.
- Ich versage komplett.
- Es geht nur mir so.
- Wenn ich das erzähle, dann denken die, ich hab mein Kind nicht im Griff.
- Wenn ich das erzähle, dann denken die, ich hab mich nicht im Griff.
- Das kann ich niemandem erzählen.
Scham ...
Scham ist, wie z.B. Angst, eine höchst verständliche Emotion. Sie zeigt uns, wo wir gegen den eigenen Selbst-Wert bzw. die eigenen Werte leben und weist uns auf unsere Prägungen und (vielleicht veraltete) Überzeugungen hin. Sie zeigt auch Diskrepanzen auf, etwa zwischen den eigenen Anforderungen und denen anderer. Oder dem, was als ‚richtig‘ und ‚falsch‘ bewertet wird. Dann werden wir beschämt.
... wird zum Tinnitus
Eine Zeit lang können wir das Gefühl wegdrängen. Doch machen wir das zu lange, beginnt die Scham sich selbst zu füttern, sie wird immer lauter, immer aufdringlicher. Bis sie nicht mehr reguliert werden kann. Dann verlieren wir Handlungsmöglichkeiten.
Stopp!
Halten Sie inne, atmen Sie – tiefer aus als ein. Scham ist nur ein Gefühl – nicht die Wahrheit und nicht die Realität. Lassen Sie nicht zu, dass dieses Gefühl so stark und vorherrschend wird, dass Sie sich nicht mehr trauen Hilfe zu holen.
Es kann schon sein, dass eine Situation nicht ganz optimal abgelaufen ist. Seien Sie gütig mit sich selbst, denn Perfektion schaffen wir ohnehin nie.
Ab jetzt
Blicken Sie nicht mehr zurück in die Situation und quälen sich mit „hätte ich doch“ oder „wäre ich doch“. Wechseln Sie die Perspektive! Im Hier und Jetzt haben Sie die Möglichkeit etwas (für die Zukunft) zu verändern. Sie können sich zum Beispiel fragen:
- Was möchte mir mein Scham-Gefühl mitteilen?
- Was brauche ich, um meinen Werten treu bleiben zu können?
- Was brauche ich, damit ich gelassen bleiben kann, auch wenn es turbulent ist?
- Was brauchen wir als Familie, um miteinander zu mehr Leichtigkeit zu kommen?
Ein Weg des Entschämens
Der eigenen Scham in einem sicheren Ort bewusst zu begegnen kann der Anfang eines Weges sein, auf dem Sie sich selbst noch besser kennenlernen und mögliche blinde Flecken reduzieren. Scham bewusst zu fühlen und sie in ihrer wichtigen Aufgabe anzuerkennen, ist ein großer Schritt in Richtung Selbstsicherheit. Auf diesem Weg braucht es vielleicht bloß wenige Kleinigkeiten zu verändern. Ein kleiner Schritt, ein anderes Wort. Sind Sie bereit dafür?
Ihre
Irina Langer