Verunsicherung
Die Mutter von Susi sitzt mir in meiner Praxis gegenüber. Sie wirkt verzweifelt und möchte die Frage, wie sie ihr Kind erziehen soll, besprechen. Sie sei schon sehr verunsichert, weil sie so viel Verschiedenes hört – das eine Buch spricht von dem, ihre Mutter von jenem, ihre Freundin meine wieder anders. Und sie selbst hätte oft gar keine Zeit zu überlegen, wie sie selbst dazu stehen soll.
Diese Frage ist eine tiefgehende Frage. Kaum ein Lebensbereich hat so viele „Expert:innen“ wie Erziehung. Mit der Formulierung dieser Frage höre ich Verunsicherung und das Gefühl oder gar die Sorge, es falsch zu machen. Und ich sehe ein Spannungsfeld, das zwischen der eigenen Intuition und Haltung und dem Außen mit seinen Anforderungen, Erwartungen und Zuschreibungen besteht.
Lassen Sie mich vorweg nehmen: Es geht in Erziehung nicht um Perfektion. Perfektion ist etwas menschenunmögliches. (Das finde ich sehr entlastend.)
Die folgenden Punkte dienen als Anregung für Sie, um Ihre Antwort auf die Frage nach dem Wie der Erziehung zu finden, und sind nur ein Auszug des riesigen Themas Erziehung.
Beziehung
Als die erste und wichtigste Aufgabe von Kindererziehung sehe ich Beziehung. Nicht als entweder – oder, sondern als UND. Also Beziehung und Erziehung. Erziehung ohne Beziehung ist eine Form von Gewalt.
Die positive und vorhersehbare Beziehung der Eltern zu ihren Kindern ist die Grundlage für Sicherheit und erleichtert Kindern später partnerschaftliche Beziehungen und Freundschaften.
Doch so wichtig sie auch ist – Liebe alleine ist zu wenig. Denn es braucht noch mehr, um dann als Erwachsene/r ein zufriedenes Leben führen zu können.
Ziel der Erziehung
Zur Erziehung gehört die Aufgabe, Kinder liebevoll zu stärken und ihnen die Weichen für ein Leben in gesellschaftlicher Zugehörigkeit und Zufriedenheit zu stellen.
Der Weg dorthin ist vielschichtig und führt über Ihre Vorbildwirkung, die Freizeitgestaltung und Förderung Ihrer Kinder bis hin zu altersentsprechender Teilhabe und Einbeziehung in Form von z.B. Alltagsaufgaben.
Eigenschaften wie Konfliktfähigkeit, konstruktives Hinterfragen, Umgang mit (Un-)Gerechtigkeit gehören ebenso dazu, wie das Lernen von Fähigkeiten wie Bedürfnisaufschub, Frustrationstoleranz, Selbstbewusstsein, Empathie und Wertschätzung. Nicht zuletzt geht es um einen Umgang mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen.
Vieles davon geschieht automatisch und verdient trotzdem hier erwähnt zu werden, weil Erziehung und ihr ‚Wie‘ wichtige Themen sind.
Ihre Führungsaufgabe
Erziehung sehe ich als eine der intensivsten Führungsaufgaben. Führung bedeutet liebevolle Klarheit und Ihre Übernahme von Verantwortung – nicht zu verwechseln mit Zwang oder Gewalt!
Je älter Ihr Kind wird, desto mehr verändert sich Ihre Verantwortung – vom Leiten, zum Begleiten, bis hin jener Veränderung, die mit zunehmendem Alter der bald erwachsenen Tochter bzw. des Sohnes einhergeht. Verlassen Ihre Kinder das Elternhaus, bedeutet das wieder eine große Veränderung und wird oft mit ‚loslassen‘ beschrieben.
Verantwortung
Verantwortung bedeutet, Sie informieren Ihre Kinder, beantworten ihre Fragen und erklären ihnen so ein Stück weit die Welt. Allerdings diskutieren Sie nicht jede Ihrer Entscheidungen, denn (zum Beispiel) witterungsentsprechende Kleidung ist nicht diskutierbar.
Selbstverständlich verändert sich Ihre Verantwortung mit dem Älterwerden Ihres Kindes. Es ist ein großer Unterschied, ob eine 2Jährige im Winter ohne Jacke raus möchte, oder eine 14Jährige. Klug ist eine solche Entscheidung auch im Teenageralter nicht. Jedoch sind die Ebenen der Kommunikation und die Möglichkeiten von Vereinbarungen andere.
Bedürfnisse
Kinder verdienen es wahrgenommen, ernstgenommen und wertgeschätzt zu werden. Damit einher geht das altersentsprechende Lernen in Bezug auf die eigenen Gefühle und Bedürfnisse. Dabei sind Sie unersetzbares Vorbild. Deshalb: Achten Sie gut auf sich, denn Ihre Kinder lernen ganz schnell durch beobachten. Sie können vielleicht mit Ihren Kindern gemeinsam üben, die Wahrnehmung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu schärfen?
Abschließend ...
Erziehung ist ein schwieriges Thema, ist es doch tief mit den eigenen Kindheitserfahrungen verbunden. Kinder spiegeln uns, unsere Verhaltensweisen, sie zeigen uns unsere Grenzen auf, fordern uns mit (unbewussten) Provokationen heraus.
Wichtig ist, dass wir achtsam mit unseren eigenen Bedürfnissen umgehen, uns Hilfe holen, wenn wir nicht mehr weiter wissen oder Fragen haben. Und wichtig ist auch das Thema Grenzen, damit Kinder einen guten Umgang mit ihren eigenen Grenzen und denen anderer lernen können.
Es kann sein, dass auch Sie das Gefühl haben, überfragt oder hin- und hergerissen zu sein, Sie öfter ein schlechtes Gewissen plagt oder Sie Fragen haben? Ich versichere Ihnen: Es geht vielen Menschen so – Sie sind damit nicht alleine. Ich bin überzeugt, Sie machen das Bestmögliche!
… ein paar Anregungen zur Selbstreflexion
Ich lade Sie ein, sich eine oder mehrere Frage/n aus der Liste auszusuchen. Diese sollen Ihnen helfen, Ihre eigene Antwort auf die Frage „Wie erzieht man Kinder?“ oder besser auf die Frage „Wie möchte ich (meine) Kinder erziehen?“ zu finden. Geben Sie sich dafür ruhig etwas Zeit.
- Wie beschreiben Sie Ihre Kindheit? Was möchten Sie genauso wie Ihre Eltern machen und was gar nicht?
- Wie möchten Sie als (Stief-) Mutter / Vater / Betreuer:in sein?
- Welche Überzeugungen (Glaubenssätze) haben Sie in Bezug auf Erziehung?
- Wie, glauben Sie, werden Sie von Kindern wahrgenommen?
- Was, denken Sie, wünschen sich Ihre/die Kinder von Ihnen als (Stief-) Vater / Mutter / Betreuer:in?
Wenn Sie diese Fragen oder Ihre Antworten besprechen wollen – Sie wissen ja, wo Sie mich finden. 😊
Ihre
Irina Langer