Wenn das Zeugnis zur Last wird
Der letzte Schultag ist da. Die Vorfreude auf die Ferien ist groß. Und gleichzeitig sind viele Kinder an diesem Tag schwer belastet, weil ihr Zeugnis nicht den Erwartungen oder Anforderungen entspricht. Ihren eigenen oder denen der Eltern.
„Was werden Mama und Papa sagen?“
Für manche Kinder ist das Zeugnis ein Grund zur Freude. Andere verstecken es am liebsten ganz unten in der Schultasche.
Dabei zeigt ein Zeugnis nur einen kleinen Ausschnitt. Es beschreibt Leistungen in einem bestimmten Zeitraum. Es erzählt aber nichts darüber, wie mutig Ihr Kind war, als es sich im Unterricht gemeldet hat. Wie viel Durchhaltevermögen es gezeigt hat, obwohl Lernen gerade schwerfiel. Oder wie freundlich es zu anderen Kindern war.
"Du bist nicht deine Noten"
Noten sind eine Momentaufnahme. Ihr Kind ist so viel mehr. Und dazu kommt ja auch, dass jeder Mensch einzigartige Fähigkeiten hat, einiges gut kann und anderes wiederum auch gar nicht.
Die Botschaft „du bist nicht deine Noten“ ist deshalb wichtig, weil Noten nichts darüber aussagen, wie Ihr Kind mit anderen umgeht oder was ihm/ihr wirklich Freude bereitet, welche Tätigkeit Ihr Kind in einen Flow bringt.
Was sehen Sie für Vorzüge Ihres Kindes? Wofür schätzen Sie Ihren Sohn / Ihre Tochter? Welche Eigenschaften sehen Sie in Ihrem Kind, die er / sie vielleicht nicht wahrnimmt?
Was ist noch hilfreich?
Gerade wenn das Zeugnis nicht den Hoffnungen und Erwartungen entspricht, braucht Ihr Kind einen sicheren Ort, der auch mit Ihrer Liebe und Ihrem Verständnis entsteht. Besonders in Situationen, in denen sich Kinder ohnehin mies fühlen.
Vielleicht beginnen Sie das Gespräch mit Fragen wie:
Ich bin stolz auf dich, weil … Worauf bist du selbst stolz?
In meinen Augen ist dir dieses Schuljahr gut gelungen, dass du … Was siehst du, dass dir in diesem Schuljahr gelungen ist?
Was brauchst du, damit du das Schuljahr trotzdem mit einem guten Gefühl abschließen kannst?
Welche Gefühle und Gedanken tauchen in dir auf, wenn du ans Zeugnis denkst?
Mein Tipp: Nehmen Sie Ihr Kind ernst, auch in den Gefühlen, die Ihr Kind Ihnen offenbart. Wenn Sie erschrecken oder nicht wissen, wie Sie damit umgehen können, dann können Sie:
- Ihr Kind umarmen und dabei sagen, dass Sie am liebsten zaubern würden, damit es besser wird.
- Ihrem Kind anbieten, Ihnen beiden Unterstützung zu organisieren, damit die Gefühle wieder angenehmer werden können.
- Miteinander überlegen, inwieweit Nachhilfe im nächsten Schuljahr helfen könnte.
- Ausschnitte Ihrer eigenen Erfahrung aus Ihrer Schulzeit erzählen, denn vielleicht gibt es da die eine oder andere Gemeinsamkeit?
In die Zukunft schauen
Wenn Ihr Kind sich gesehen fühlt, entsteht Raum, gemeinsam und zuversichtlich nach vorne zu schauen. Vielleicht gab es Fächer, die besonders herausfordernd waren? Vielleicht braucht es im nächsten Schuljahr eine andere Lernstrategie, mehr Unterstützung oder einfach mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten?
Ob Ihr Kind mit einem Einserzeugnis oder mit anderen Zahlen nach Hause kommt: Feiern Sie gemeinsam den Abschluss eines Schuljahres. Nehmen Sie sich Zeit füreinander. Denn Ferien beginnen nicht mit perfekten Noten, sondern mit dem Gefühl:
„Ich bin richtig, wie ich bin.“
Diese Botschaft stärkt Ihr Kind in seinem / ihrem Selbstwert.
Ihre
Irina Langer