Vor kurzem ist mir in meiner Praxis eine junge Mutter gegenüber gesessen. Eine liebevolle Frau, berufstätig, verheiratet, 2 Kinder (2,5 und 8 Jahre alt). Sie erzählt: „Wenn mein Mann und ich beim Abendessen etwas Organisatorisches besprechen, dann beginnt die Kleine zu stören … Sie stört dann wirklich.“
Erwachsenenebene
Wir alle kennen das: Pläne, Tagesgeschehen und sonstige Aufgaben müssen besprochen werden. Allerdings passt nicht alles auf den Familientisch. Warum ist das so?
- Weil manche Inhalte nicht für Kinderohren geeignet sind und das Kind überfordern.
- Weil weghören einfach nicht geht (es ist physiologisch unmöglich).
- Weil gewisse Inhalte ausschließlich in den Verantwortungsbereich von Erwachsenen fallen.
Mit Blick auf das oben geschilderte Gespräch: Das jüngste Familienmitglied zeigt diese Überforderung oder auch das Unverständnis über das Gehörte, indem sie oder er stört.
Mit anderen Worten: Das Kind signalisiert, dass etwas gerade nicht passt.
Gespräche unter 4 Augen
Ich bin überzeugt, es gibt eine Zeit, in der die Kinder bereits im Bett liegen und in der die Themen der Erwachsenenebene Raum bekommen können. Oft kann es für Kinder im Entspannungs- und Einschlafprozess sogar beruhigend wirken, wenn die Eltern noch leise gehört werden.
Mein Tipp: Machen Sie es sich miteinander bequem und besprechen Sie (etwas leiser als üblich) jene Themen, die für Sie als Paar, als Eltern, als Familienmanager:innen wichtig sind.
Vielleicht möchten Sie sogar noch einen Schritt weiter gehen und sich gemeinsam Fragen widmen wie:
- „Welche Gefühle haben mich heute durch den Tag begleitet?“
- „Was ist mir heute gelungen?“
- „Worüber habe ich heute lachen können?“
- „Was wünsche ich mir von mir für morgen?“
Gespräche am Familientisch
Der Welt-Zuhör-Tag bietet sich an, einen kleinen Perspektivenwechsel am Esstisch durchzuführen. Kinder lernen durch Vorbilder. In allen Lebenslagen und Belangen.
Zuhören muss ebenso gelernt werden, wie alles andere. Am besten funktioniert das, wenn Erzählen und Zuhören Teil eines Rituals zum Beispiel beim gemeinsamen Abendessen werden. Das bietet sich zu dem Zeitpunkt an, weil der Tag fast vorüber ist.
Gespräch als Ritual
In meiner Erfahrung hat sich als Thema die Fragenkombi bewährt:
Was war heute das Schirchste und was das Schönste?
In dieser Reihenfolge, weil dann das Schönste am Schluss ist und in Gedanken bleibt.
Der Ablauf: Reihum erzählt jedes Familienmitglied. Für die Jüngeren, die noch nicht sprechen können, kann dies von einem älteren Familienmitglied übernommen werden.
Wenn ein Kind nicht erzählen möchte, dann ist das völlig in Ordnung. Bieten Sie an, dass Ihre Tochter / Ihr Sohn am Ende der Runde erzählen kann, wenn es dann besser passt? Wenn Sie sich sorgen, sagen Sie auch das und vereinbaren Sie einen späteren Zeitpunkt oder vielleicht möchte es in einem 4-Augen+Ohren-Gespräch erzählt werden?
Dieses Ritual ist eine Variante, in der Kinder zuhören lernen und zugleich aber auch, wie es sich anfühlt, gehört und ernstgenommen zu werden.
"Extra-Plus"
Vielleicht ist es Ihnen möglich, dass Sie die Gefühle zusammenfassen, die mit den jeweiligen Erlebnissen bei Ihrem Kind bzw. Ihren Kindern verbunden waren. Formulierungen sind zum Beispiel: „Da hätte ich mich auch geärgert“ oder „Puh, das war sicher schwierig, da wäre ich an deiner Stelle auch hilflos gewesen“ oder „darüber hätte ich mich auch gefreut“. Dies signalisiert Ihrem Kind, dass Sie verstanden haben und ermöglicht ihm/ihr Worte für die eigenen Gefühle zu finden.
Ich wünsche Ihnen freudvolle Unterhaltungen.
Ihre
Irina Langer