Die Zuschreibung
Fritz ist 6 Jahre alt, besucht gerade das letzte Jahr den Kindergarten. Die ersten Wochen der Betreuung waren wie immer und wurden auch wie immer gestaltet. „Er braucht ein bisserl mehr Zeit“, war die allgemeine Aussage. Doch auch nach dem üblichen Zeitraum, den Kinder zum Ankommen brauchen, ändert sich Fritz‘ Verhalten nicht:
Er wirkt wie ein fröhlicher Bub, jedoch ist seine Art oft ungestüm. Spieleanfragen erfolgen über anrempeln oder Pöbeleien. Am liebsten spielt er Videospiele nach, in denen gekämpft wird. Selbstverständlich möchte er der Gewinner sein. Wird Fritz ersucht, etwas leiser zu sein, dann wird er noch lauter. Am Gruppengeschehen weigert sich Fritz teilzunehmen. Wenn es ganz schlimm ist, dann schlägt er auf die Kindergartenpädagogin ein.
Fritz gilt als Problemkind.
Das Wozu
Die (elementar- oder sozial-)pädagogische Wahrnehmung im Betreuungsalltag besteht aus oft notwendigen Kategorisierungen. Dies zum Teil, um den Betreuungsalltag zu erleichtern und um dem Kind in seinen/ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Zusammengefasst werden neben allem, was dem Kind gelingt, auch herausfordernde Verhaltensweisen, die allerdings oft Ausdruck einer seelisch-emotionalen Not sind.
Die Auswirkungen
Doch was macht es möglicherweise mit Fritz, dass über ihn als „Problemkind“ gesprochen wird – auch wenn er das gar nicht mitkriegt? Wie reagiert die Kindergruppe intuitiv auf diese Zuschreibung? Und was macht es mit Ihnen als Erwachsenen, wenn Sie Fritz als Problemkind bezeichnen?
All Ihr Wissen und Ihre Erfahrung wird eingesetzt, um des Buben Verhaltensweisen zu beschreiben und zu interpretieren. Sie versuchen zu regulieren, zu erklären, zu ermahnen und Sie setzen Konsequenzen. Immer öfter jedoch sprechen Sie Verbote aus.
Die Dynamik in der Gruppe verändert sich mit der Zeit. Der Bub wird immer mehr zum Außenseiter, keiner mag mehr mit ihm spielen. Es beginnen sich ein paar Kinder in der Gruppe sogar vor Fritz zu fürchten.
Fritz spürt alles, kann es aber weder fassen noch einordnen und reagiert vehement auf die Atmosphäre.
Aber ...?
Mein Anliegen ist die Frage: Was ist hilfreich und förderlich? Die Verhaltensweisen von Fritz sind eine Herausforderung. Sie sind nicht altersentsprechend, oft auch nicht der Situation angemessen. Sie wirken provokativ und verdeutlichen seine und vielleicht auch Ihre Grenzen.
Es geht nicht darum, schön zu reden, was schief liegt. Es könnte aber eine Möglichkeit darin bestehen, hinter Fritz‘ Verhalten zu blicken und die dortigen Bedürfnisse mit in Ihre Haltung einzubeziehen? Alleine diese kleine Veränderung kann viel bewirken.
Die Sprache
Was könnte es verändern, wenn es statt „Fritz ist ein Problemkind“ heißen würde „Fritz hat Probleme“? Es ändert diese Formulierung nichts am Umstand. Was sich allerdings ändert sind Ihr Fokus, Ihre Haltung und auch Ihre Möglichkeiten.
Fritz‘ Sorgen sind in seinem Körper und auf emotionaler Ebene gespeichert. Er kann in der jeweiligen Situation durchaus sagen, was ihn wütend gemacht hat. Doch das hinter seinem Verhaltensausdruck liegende Drama vermag er noch nicht zu artikulieren. Dafür braucht er Hilfe.
Ein paar Möglichkeiten
Fritz lässt sich einfach nicht in eine Schablone pressen. Ich möchte Ihnen Fragen vorschlagen, die vielleicht Ihre Sicht auf das Kind ergänzen – zum Beispiel:
- Was kann Fritz gut? Vielleicht ist er hilfsbereit und steht gerne anderen Kindern zur Seite?
- Sieht sich Fritz als Kämpfer? Wozu braucht er das? Wie geht es dem Kind, wie erlebt er seinen Alltag? Wie sieht sich Fritz selbst und wie, glaubt er, sehen ihn seine Mitmenschen?
- Egal in welchem Setting Sie tätig sind – die Eltern von Fritz könnten zu wichtigen Verbündeten von Ihnen werden, denn sie wollen gemeinsam das Beste für das Kind: Wie erleben diese Fritz? Welches Verhalten kennen sie und welches gar nicht?
Es kann sein, dass Ihre Sorgen und Ihr Angebot der professionelle Nähe den Unterschied zu den bisherigen Erfahrungen des Familiensystems macht! Vielleicht ist Ihr Interesse der erste Schritt für die Familie aus einer negativen Erlebnisspirale?
Selbstreflexion
Ein wesentlicher Faktor ist auch anzuerkennen, wo die eigenen Grenzen liegen: Was macht Fritz, das Sie gar nicht aushalten? Worauf reagieren Sie besonders? Welches Verhalten geht für Sie grundsätzlich gar nicht und warum? Wie reagieren Sie, wenn es dann trotzdem passiert? Welche Verhaltensweisen von einem Kind in einer Ausnahmesituation bereiten Ihnen keine Schwierigkeiten? Wie können Sie einander im Team zur Seite stehen?
Neben all dem kann trotzdem sein, dass Fritz mehr braucht, als ihm in Ihrem Betreuungsangebot zuteil werden kann. Dies aber nicht aufgrund von irgendjemandes Schuld oder Versagen. Sondern weil Fritz‘ Bedürfnisse so sind, wie sie sind.
Ich begleite Sie gerne, wenn Sie gerade ein Kind mit herausforderndem Verhalten betreuen und an einem Punkt sind, an dem Sie nicht mehr weiterkommen.
Ihre
Irina Langer